Debattenbeitrag

Ich bin gerade erst fertig geworden. Das Buch ist ja auch gerade erst erschienen. Deshalb wundert mich die Vehemenz, mit der es schon vor Erscheinen angegriffen wurde. Aber sei es drum.
Ich habe es teilweise gehört – aus Zeitgründen – und dann gekauft und einzelne Passagen noch einmal nachgelesen.
Zu Ihrer Frage nach dem Gefühl:
Mein Gefühl war: jetzt erst recht. Jetzt erst recht etwas tun vor den Landtagswahlen. Jetzt erst recht Wahlkampf machen. Ich bin familiär und politisch gerade in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern unterwegs, wo gewählt wird. Für mich war das Buch motivierend, nicht lähmend.
Für mich geht es nicht um eine erneute DDR-Gesamtbilanz. Hensel schreibt mehrfach, dass es aus der Bundestagswahl und dieser „blauen Karte“ entstanden ist. Ich lese es als Gegenwartsbeschreibung, nicht als historische Systemanalyse. Und als solche ist es hilfreich.
Vor allem der zweite Teil mit den Interviews war für mich ein Werkzeugkasten. Wenn ich das zusammendenke mit anderen Einblicken, die ich mir im letzten Jahr erarbeitet habe – etwa dem Interview des Zentrums für politische Schönheit mit Erik Ahrens, den Social-Media-Strategien von Krah auf TikTok oder den Lesekreisen von Benedikt Kaiser im AxD-Büro in Nauen, von denen ich mitbekommen habe – dann ergibt sich ein Bild der AxD von innen. Das hilft mir politisch deutlich mehr als jede abstrakte Analyse. Es macht verständlicher, wie diese Partei denkt, wie sie kommuniziert und wie sie wirkt.
Auch der erste Teil war für mich hilfreich. Die Beschreibung des früheren Links-Wählens und des Kippens seit Hartz IV, diese lineare Darstellung anhand von Zahlen und politischen Entscheidungen, ergibt für mich Sinn. Ich bin sozialwissenschaftlich geprägt und denke in Mustern. Erinnerung läuft nicht linear. Solche Verdichtungen helfen, Entwicklungen zu erkennen. Natürlich erklärt man nicht alles mit Zahlen – aber ganz ohne Zahlen erklärt man auch nichts.
Es gibt Punkte, denen ich deutlich widerspreche. Der Satz zur DDR als „gesellschaftspolitisch fortschrittlich“ deckt sich nicht mit meinen Erfahrungen, gerade was Gleichberechtigung in Familien betrifft – Stichwort Doppelbelastung von Frauen. Da gehe ich nicht mit Hensel mit.
(Aber einen einzelnen Satz herauszugreifen und daraus das gesamte Buch zu delegitimieren, wie es Herr Kowalczuk in seinem Beitrag meiner Ansicht nach tut, halte ich für problematisch.)
Kritisch sehe ich bei Hensels AxD-Analyse zudem die starke Fokussierung auf den Osten. Das greift mir als Erklärung an manchen Stellen zu kurz. Wenn man die AxD ernsthaft analysiert, muss man internationale Entwicklungen mitdenken – etwa die MAGA-Bewegung in den USA mit ihren unterschiedlichen Strömungen vom Tech-Milliardär-Flügel bis zum Kümmerer-Populismus (Steve Bannon als Vordenker).
Mein Eindruck ist eher, dass sich Teile der Ost-AfD stärker an letzterem orientieren, während Weidel und der westdeutsche Flügel eher an Musk & Co. andocken – auch wenn man das nicht überall sauber trennen kann. Aber es hilft zum Verständnis. Da würde ich Hensel also auch nicht in allem folgen.
Wagenknecht kommt im Buch vor. Nord Stream 2 wird im Interview mit Schwesig thematisiert. Man kann das inhaltlich dünn finden. Aber es stimmt nicht, dass es nicht vorkommt.
Ein Punkt bzw. Analyseergebnis, der mir für meine politische Arbeit gefehlt hat, ist die kommunale Ebene. Gerade 2015 hat gezeigt, dass Beschlüsse auf Bundesebene vor Ort ausgetragen werden müssen, ohne dass Kommunen ausreichend unterstützt werden. „Wer bestellt, muss auch bezahlen und bei der Umsetzung helfen“ passiert bis heute nicht. Das ist kein Ostthema, sondern ein strukturelles Problem. Im Interview mit Katja Wolf wird das angerissen. Für konkrete Politik – gerade im Osten – wäre das ein zentraler Ansatzpunkt.
Ich habe Anfang der 90er in Dresden begonnen, Politik zu studieren – an der TU, wo damals fast ausschließlich Westprofessoren lehrten - Stichwort Repräsentation. Einer davon war Werner Patzelt, der im Buch ja auch vorkommt (Teske Interview) und inzwischen klar im rechten Spektrum verortet wird. Das war prägend und interessant – aber meine politische Sozialisation an runden Tischen und z.B. beim Piratenradio hat das nicht beeinflusst, im Gegenteil.
Später war ich immer wieder und auch längere Zeit in den USA. Diese Perspektive von außen hat mich stark geprägt. Dort war ich nicht „Ostdeutsche“ sondern Deutsche. Das verändert den Blick. Will sagen, persönliche Biografien machen einen großen Unterschied – sie führen nicht automatisch zu einer bestimmten politischen Haltung.
Ich lese das Buch als Gegenwartsdiagnose. Über diese Diagnose kann man streiten. Aber es ist für mich keine Zumutung, wie es manche Rezensionen nahelegen.
Der Titel erschließt sich mir nach wie vor nicht. Er hat mich schon vor Erscheinen irritiert. Und manche Interviews stehen für mich in einem gewissen Spannungsverhältnis zum Buch. Möglicherweise liegt das auch daran, dass Talkshow-Logik und schriftliche Analyse unterschiedlichen Regeln folgen.
Deshalb sorry für den langen Text. Ich möchte damit empfehlen, das Buch selbst zu lesen – und kein Urteil allein auf Basis von Rezensionen zu fällen.