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Zwischen Schrauben, Eseln und neuen Bündnissen – Besuch in Zerbst / Anhalt

Grit M·24. Juli 2026
Zwischen Schrauben, Eseln und neuen Bündnissen – Besuch in Zerbst / Anhalt

Eigentlich war ich „nur“ nach Zerbst gefahren, um beim Plakatierstart der Bündnisgrünen zu helfen. Gemeinsam mit zwei Freundinnen aus Berlin.

Denn noch einmal zur Erinnerung: Bei dieser Landtagswahl entscheiden wenige Prozentpunkte darüber, ob demokratische Mehrheiten im Landtag erhalten bleiben. Dafür müssen Bündnis 90/Die Grünen und die SPD die 5-Prozent-Hürde schaffen. Deep Dive hier zu Taktischem Wählen. Deshalb zählt jede Wahlkampfhilfe, jedes Gespräch – und ja, auch jedes einzelne Plakat.

Wir hatten uns in Zweierteams aufgeteilt. Mein Zweierteam hatte am Ende des Tages 19 Plakate in rund zwölf Dörfern aufgehängt. Aber vor allem war es wie fünf Stunden Speed-Dating von Dorf zu Dorf aus dem ich etwas noch Wertvolleres mitgenommen habe: Begegnungen, Geschichten, Schrauben-Know-how – und vor allem Hoffnung.

Zerbst ist übrigens mit über 400 Quadratkilometern eine der zehn größten Gemeinden Deutschlands – flächenmäßig sogar größer als München. Entsprechend viel Zeit verbringt man beim Plakatieren zwischen den einzelnen Orten.

Mittags saßen wir in der Betriebskantine des familiengeführten Schraubenwerks Zerbst. Ich war mit der Unternehmerin Christiane unterwegs, die das Unternehmen gemeinsam mit ihrer Familie führt. Dort werden unter anderem Schrauben für Windkraftanlagen und Eisenbahnschienen geschmiedet – auf einem Großteil der Schwellenschrauben weltweit steht außerhalb Chinas „SZ“.

Beeindruckt hat mich aber vor allem die Herzlichkeit.

Wir wurden zum Mittagessen eingeladen, planten zwischen Kantinentisch im Schraubenwerk und Werkstor unsere weitere Plakatroute und sprachen über das Leben auf dem Land. Die Familie beschäftigt Fachkräfte aus unterschiedlichen Ländern und unterstützt sie ganz selbstverständlich dabei, in Zerbst anzukommen – auch bei der Wohnungssuche. Ein sehr bodenständiges Beispiel dafür, wie Zukunft ganz praktisch funktioniert – leise, direkt vom Dorf, in Sachsen-Anhalt.

Die zwei Esel im Video sind übrigens Christianes "Hobby" und wurden auf unserer Tour auch besucht 🥰.

Am Ende des Tages kamen wir auf Musik zu sprechen. Dabei stellte sich heraus, dass die Schwiegertochter der Familie gemeinsam mit einer Freundin aus Zerbst Musik macht. Beide waren zwischenzeitlich in der Welt unterwegs und sind inzwischen zur Familiengründung wieder nach Zerbst zurückgekehrt. Als ich ihnen von Lieder aus Sachsen-Anhaltung erzählen wollte, musste ich schmunzeln: Sie sind dort längst vernetzt und werden am kommenden Sonntag sogar mit einem Video vorgestellt.

Wieder so ein Moment, in dem ich dachte: Die guten Geschichten sind längst da. Sie kennen sich nur oft noch nicht gegenseitig.

Ähnlich ist es mit dem Bündnis ZERBST BLÜHT AUF. Dort begegnen sich Menschen, die sich vorher teilweise gar nicht kannten: "Ur-Zerbsterinnen" wie Christiane, Zugezogene, Designer:innen, Menschen aus der Digitalbranche, Wissenschaftler:innen, Kulturschaffende und andere Engagierte aus den Dörfern. Eine Entomologin aus einem Nachbardorf, die Bücher schreibt, organisiert heute gemeinsam mit der Unternehmerfamilie Ausstellungen im Museum.

Auch die Freundinnen, die zum Plakatieren mit angereist waren, kamen mit ihren eigenen Geschichten zurück. Die eine entdeckte die Brotbackkirche in Garitz, die andere war von der Herzlichkeit der Menschen überwältigt. Schon am Bahnhof wurden wir mit Äpfeln aus dem Garten, einer herzlichen Umarmung und diesem wunderbar entspannten Dialekt begrüßt. Ich habe mich sofort ein Stück weit zu Hause gefühlt (ein Großteil meiner Familie spricht ihn).

Genau solche Erfahrungen machen Hoffnung und müssen erzählt werden.

Natürlich gibt es auch die andere Seite. Rechte Netzwerke existieren auch hier. Es gibt Menschen mit völkischen Ideen die eine Imkerei betreiben. Es gibt die Anti-Windkraft-Lobby, die mit ihren Erzählungen offenbar bis tief in die Köpfe der Menschen wirkt – wie mir vor Ort erzählt wurde, teilweise sogar bis in die eigenen grünen Reihen hinein. Es gibt auch die Schützenvereine und es gibt eine EDEKA-Filiale, in der AfD-Spitzenkandidaten Werbeveranstaltungen durchführen konnten – obwohl sich EDEKA als Unternehmen eigentlich klar gegen Rechtsextremismus positioniert hat.

Vielleicht kann das Bündnis Ost genau hier einen kleinen Beitrag leisten. Die Engagierten vor Ort können nicht alles allein stemmen. Aber wir können Öffentlichkeit schaffen, Kontakte vermitteln oder auch mal gemeinsam einen Brief an die EDEKA-Konzernzentrale schreiben.

Das Wichtigste, was ich aus Zerbst mitgenommen habe, waren keine politischen Debatten.

Es waren die Menschen und ihre ganz persönlichen Geschichten: Die Unternehmerfamilie. Die Musikerinnen. Bernd, der Uhrmacher, der uns mit Äpfeln aus seinem Garten begrüßte, der ehemalige Pfarrer, der schon seit 4Uhr morgens plakatiert hatte und Tino, der 18Uhr zum Yoga wollte. Meine Freundinnen, die mitgekommen sind. Die Herzlichkeit, die wir überall erfahren haben. Und die neuen Netzwerke und Bündnisse, die dort gerade entstehen.

Gleichzeitig wächst unsere digital vernetzte Community weiter. Aus Zerbst sind bereits neue Menschen in unsere Austauschgruppen dazugekommen. Genau so können wir uns gegenseitig stärken – vor Ort und weit darüber hinaus.

Aus Begegnungen werden Beziehungen.

Aus Beziehungen entstehen Bündnisse.

Und daraus wachsen Kraft und Mut.